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...Berichte von Zeitzeugen zur Pogromnacht...
Willi Frohwein: ,, 1938 bin ich zur Arbeit gegangen und das Erste, was ich gesehen habe, war die brennende Synagoge am Lindenufer. Da ich das nicht wusste, dass die Synagoge brannte, bin ich da runter und habe dann gesehen, wie die Synagoge brannte. Da es ein Eckgrundstück war, haben die Feuerwehrleute nur rechts und links davon gestanden und haben aufgepasst, dass es nicht auf die Nachbarhäuser übergreift. Da war eine gaffende Menge, die dort stillschweigend zuguckte, man kann sagen mit einer gewissen Häme zuguckte, wie das Ding da abbrannte. Danach bin ich in die Stadt und gegenüber von der Nikolaikirche ist eine Passage. Links und rechts von dieser Passage sind zwei Geschäfte. Eins davon war das Geschäft eines Juden, ein Kurzwarenladen. Als ich dort ankam, kam fast zeitgleich mit mir ein LKW angefahren, der hielt vor dem Laden. Es sprangen keine Zivilisten, sondern SA-Leute von dem Wagen und haben mit Steinen die Schaufenster eingeschlagen. Auf Grund des Attentats auf den von Rath hatte sich, wie der offizielle Sprachgebrauch war, die ,,entbrannte Volksseele" gerächt. Es war jedoch nicht die entbrannte Volksseele, die die Scheiben eingeschmissen hatte, sondern die SA, bloß: die entbrannte Volksseele hat geplündert. Das ist mir so furchtbar in Erinnerung geblieben, dass also diese Menschen aus dem Unglück der anderen sich noch bereicherten und alles, was sie kriegen konnten, mitgenommen haben. Da bekam ich meinen ersten Nervenzusammenbruch, ich habe geheult wie ein Schlosshund. Der Besitzer des Ladens hatte seine Wohnung im ersten Stock und ich sah wie seine Möbel und Kleider aus dem Fenster flogen und angezündet wurden und wie die Leute zusammengeschlagen wurden. Völlig fertig kam ich auf der Arbeit an, dort wurde ich gefragt, was mit mir los sei. Ich habe erzählt, was ich gesehen habe, dabei hatte ich das Gefühl, dass meine Arbeitskollegen das Geschehen innerlich ablehnten. Auf jeden Fall haben sie mich an diesem Tag besonders schonend behandelt. Sie wussten ja nicht, dass ich Jude bin, aber dass ich da sensibel bin, haben sie ja gemerkt." ( Frohwein, 2002, S. 22 f.)
Werner Salomon: "Ganz böse wurde es allerdings am 9. November 1938 mit der 'Reichskristallnacht', als der ungezügelte Sturm auf Juden einsetzte, jüdische Geschäfte zerstört und Synagogen in Brand gesteckt wurden. Ich selbst als Zwölfjähriger habe mit meinem Vater zusammen die Spandauer Synagoge brennen sehen, ohne recht zu begreifen, was da geschah. Auch schritt die Reglementierung der Bevölkerung unaufhörlich voran: Für eine Reise brauchte mein Vater einen Urlaubsschein vom Wehrmeldeamt, weil er noch wehrpflichtig war und gemustert wurde. Meine Mutter wurde mit gewissem Druck aufgefordert, in das 'Frauenwerk' einzutreten, eine Unterorganisation der NS-Frauenschaft, und ich wurde Mitglied des Jungvolkes. Im kleinen Haselhorst setzte sich die NSDAP mit einer eigenen Ortsgruppenleitung stark in Szene." (Salomon, 2006, S. 16 f.)

Hans Sternberg: ,,Jeder, der dieses Ereignis miterlebt hat, wird es nie vergessen können. Ich war damals zwar erst 13 1/2 Jahre alt, aber trotzdem wird das traumatische Erlebnis für immer in meiner Erinnerung bleiben. Mein Vater erhielt am frühen Morgen des 10. November einen Telefonanruf. Es war noch dunkel. Er erfuhr: Die Synagoge in Spandau brennt. Die Scheiben der Schaufenster unseres Kaufhauses wurden eingeschlagen, die Ware geplündert. (...) (Später) (...) wurde er Zeuge, wie eine johlende Menge aus dem bereits brennenden Gotteshaus allerlei rituelle Gegenstände, Bücher, Leuchter, Thorarollen, Decken und Mobiliar auf einen Scheiterhaufen im Hof der Synagoge warf. (...) Während ein Teil der Zuschauer dieses unwürdige Schauspiel zustimmend und sogar freudig zur Kenntnis nahm, sah man in den Augen anderer fassungsloses Entsetzen angesichts dieser Untat. Die Feuerwehr war zugegen, Schläuche waren an die Hydranten angeschlossen, es wurde aber der Brand nicht gelöscht, man beschränkte sich auf die Sicherung der Nachbarhäuser, war doch die Synagoge von Wohnhäusern umgeben. (...) Von Grauen erfüllt begab sich mein Vater erst anschließend zu seinem Kaufhaus. in der Fischerstraße war alles ruhig. Vorne aber, in der Breite Straße, fand er alle Schaufenster, mit Ausnahme der kleinen Schaukästen, eingeschlagen, die Straße voller Glasscherben. Den größten Teil der schönen Waren, die dort ausgestellt waren, hatte man geraubt, die zerstörten Schaufensterpuppen lagen umher, noch immer suchten finster aussehende Gestalten nach brauchbarem Gut. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite stand ein Schupo, wie man damals die uniformierten und mit einem Tschako behelmten Polizisten nannte. Mein Vater wandte sich voller Empörung an ihn und fragte: 'Wollen Sie nicht einschreiten?' Seine lakonische Antwort war: 'Mein Name ist Hase', was so viel bedeutete wie: 'Das geht mich nichts an, ich sehe nichts.' Erschüttert kam mein Vater in unsere Wohnung zurück." (Sternberg, 2004, S. 91 f.)
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